Am Donnerstag, dem 07.07.2022, erschütterte eine sehr traurige Nachricht die Otaku-Community: Kazuki Takahashi wurde leblos treibend im Meer an der Küste von Nago (Präfektur Okinawa) gefunden. Er trug eine komplette Schnorchel-Ausrüstung und am Körper fanden sich Verletzungen, welche auf Meerestiere, möglicherweise einen Hai, zurückzuführen sind. Kurz vor seinem Tod gelang es ihm wohl noch einen Notruf an die Küstenwache zu senden. Leider geschah dies zu spät. Zu dem Zeitpunkt, da ich diese Zeilen schreibe, dauern die polizeilichen Ermittlungen immer noch an. Weder ein Unfall noch ein Verbrechen können derzeit ausgeschlossen werden. Er ist gerade einmal 60 Jahre alt geworden.
Besondere Bekanntheit erreichte der Mangaka mit seinem Erfolgstitel „Yu-Gi-Oh“, welcher in 38 Bänden erschien und mehrere Anime-Adaptionen, Videospiele, Merchandise und nicht zuletzt das legendäre Sammelkartenspiel hervorbrachte. Unzählige Fans weltweit begeistert sein Werk bis heute und auch für mich war es sehr prägend und wichtig auf meinem Weg zu einem Otaku.
Als der Yu-Gi-Oh Boom Anfang der 2000er begann, war ich mittendrin und gerade einmal süße 8 Jahre alt. Der Anime hatte mich sofort in seinen Bann gezogen, zumal ich damals auch schon ein großes Interesse an Geschichte im Allgemeinen und dem alten Ägypten im Speziellen hatte. Ähnlich wie bei „Dragon Ball“ blickte man zu den Charakteren als seine Helden auf, fieberte und litt mit ihnen, wenn sie in einem Duell am Rande einer Niederlage waren und im letzten Moment doch noch einen Ausweg fanden, um daraus siegreich hervorzugehen.
Mit dem kleinen, eher schüchternen Yugi Muto konnte ich mich damals gut identifizieren, ebenso mit seinem besten Freund Joey als Anfänger in „Duel Monsters“. Zu dem Pharao Atem, der als Yugi’s Alter Ego in dessen Millenniumspuzzle schlummert, sah ich dagegen als Vorbild auf und war immer ganz geflasht von seiner Entschlossenheit und Coolness.
Doch auch einige der Antagonisten hatten es mir angetan, wobei hier Maximilian Pegasus und Yami Bakura hervorgehoben werden müssen. Pegasus zählt dabei sogar zu meinen absoluten Lieblingscharakteren. Eine Meinung, mit der ich (bis auf eine mir bekannte Ausnahme) ziemlich allein dastehe. ![]()
Ambivalent betrachte ich nach wie vor Seto Kaiba, dessen positive Eigenschaften allzu häufig im Kontrast mit seiner unsympathischen Arroganz standen. Gleichwohl liebe ich viele seiner Karten und habe diese auch aktiv gesammelt. Womit wir eine gute Überleitung zu dem Kartenspiel selbst haben.
Zuerst nur als Begleitmaterial zum Manga/Anime gedacht, entwickelte sich aus Einzelkarten ein ganz eigener, fast schon wahnsinniger Hype, den die zuständige Marketing-Abteilung in dieser Form sicher nicht hatte kommen sehen. An meiner Schule wurden wir alle regelrecht infiziert. Es war das präsente Thema in unseren Köpfen. Selbst die Lehrer verzweifelten und sprachen teilweise richtige Verbote aus, die uns aber selbstredend nicht aufhalten konnten und geschickt umgangen wurden.
In den Pausen gab es manchmal selbstorganisierte Turniere. Einige brachten sogar ihre Duel Disk mit und legten beim Spielen eine ähnliche Theatralik wie die Seriencharaktere an den Tag. Es war einfach nur herrlich. Ich selbst war eher Sammler als Spieler, schlug aber manchmal auch ein um die andere epische Schlacht und spezialisierte mich auf ein Deck mit Finsternis-Monstern.
Es gibt eine Anekdote, welche ich nie vergessen werde:
Ein Kumpel von mir besaß das Monster Jinzo in einer limitierten Fassung und überließ mir das seltene Stück sogar im Tausch für 28 Yu-Gi-Oh Magnetbilder. Mein Glücksgefühl war unbeschreiblich und kaum in Worte zu fassen. Die Nachricht über meinen erworbenen Schatz verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der gesamten Schule. Bestimmt eine Woche lang wurde ich wie ein Rockstar von allen möglichen Leuten verfolgt. Einige wollten ihn einfach nur sehen, andere ließen fast nichts unversucht, ihn sich selbst unter den Nagel zu reißen, ob im Tausch für Karten oder das Übernehmen von Hausaufgaben. Am Ende blieb ich standhaft und lehnte dankend ab, selbst der legendäre 5 Götter Drache als Teil eines Angebots konnte mich nicht umstimmen.
Jinzo und ungefähr 800 weitere Yu-Gi-Oh Karten befinden sich heute immer noch in meinem Besitz. Gespielt habe ich bestimmt seit 8 Jahren nicht mehr, aber gelegentlich überkommt mich dann doch die schöne Nostalgie und ich hole sie wieder aus ihrem Schubfach. Ähnlich verhält es sich mit der Serie, aus der ich eines Tages herausgewachsen bin. Sicherlich ist sie nicht der beste Anime aller Zeiten und weißt einige deutliche Schwächen, wie die schon angesprochene übertriebene Theatralik auf. Dennoch handelt es sich bei dem Yu-Gi-Oh Franchise um eine unbestreitbar wichtige Erinnerung meiner Kindheit und Jugend, zu der ich bis heute situativ gerne zurückkehre. Dass solche Erlebnisse auch noch spätere Generationen von Fans bewegen können, zeigt sich an meiner guten Freundin Sushisuke aus unserer Animeszene-Familie. Denn in diesem Fall war es Yu-Gi-Oh 5D’s, welches ihr Interesse und ihre Begeisterung für Animes nachhaltig beeinflusste.
Am Tag als ich von Takahashi’s Tod erfuhr, nahm mich das ziemlich mit. Ich verbrachte den Abend damit, die ersten 5 Folgen der Originalserie auf Netflix zu schauen und beschloss spontan, diesen Nachruf zu schreiben. Es kamen viele Erinnerungen und Gedanken hoch, die ich auf diesem Wege aufs digitale Papier bringen wollte.
Kazuki Takahashi mag tragisch und viel zu früh von uns gegangen sein, aber sein künstlerisches Vermächtnis wird auch in Zukunft noch vielen Menschen Freude bereiten und Augen zum Leuchten bringen. So wie damals bei diesem achtjährigen kleinen Jungen.
Ruhen Sie in Frieden, Herr Takahashi.

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